24. September 2017

Historie

Geschichte der Sportmedizin in Hamburg

Die Ursprünge der Sportmedizin in Hamburg reichen bis in die unmittelbare Zeit nach dem ersten Weltkrieg zurück.
Initiiert unter anderem durch die Annahme, daß die Ursache des verlorenen Krieges auch an einer schlechten körperlichen Verfassung der deutschen Jugend gelegen haben könnte, wurde bereits 1919 im Hygienischen Institut der Freien und Hansestadt Hamburg eine sportärztliche Untersuchungsstelle eingerichtet, die allerdings nicht zur Universität gehörte (die selbst erst 1919 gegründet wurde). Diese Einrichtung wurde geleitet von Dr. Friedrich H. Lorentz; sie gehörte zu den ersten fest eingerichteten sportmedizinischen Untersuchungsstellen in Deutschland.

Sehr bald schon wurden hier auch die sportmedizinischen Untersuchungen der Teilnehmer des seit 1920 für die Studierenden angebotenen Hochschulsports durchgeführt. Dieser hatte damals in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, als an den Universitäten eine verbindliche Teilnahme aller Studierenden zur Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit diskutiert wurde, durchaus den Charakter einer paramilitärischen Ausbildung.

Innerhalb der Universität finden sich Hinweise auf die Sportmedizin erstmals im Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester 1923, als im Rahmen eines viersemestrigen „Turnlehrerkurses“ von Walter Hering erste periodische Untersuchungen von Sporttreibenden durchgeführt wurden.

1925 wurde in der Hamburger Universität durch Rektoratsverfügung ein „Institut für Leibesübungen“ gegründet, zu dessen Aufgaben auch die Durchführung der sportärztlichen Untersuchungen von Studierenden gehörte. Am 1. Mai 1927 wurde unter der Leitung von W. Hering in der Universität eine eigene „Sportärztliche Untersuchungs- und Beratungsstelle eingerichtet. Im gleichen Jahr wurde ein „ordentlicher Lehrstuhl für Sportmedizin“ ausgeschrieben und am 1.7.1929 mit dem Schweizer Militär- und Badearzt Dr. Wilhelm Knoll besetzt. Das von Knoll zusammen mit Arno Arnold 1933 publizierte Buch „Normale und pathologische Physiologie der Leibesübungen“ kann als eines der ersten sportmedizinischen Lehrbücher betrachtet werden.

Nachdem Knoll als Institutsleiter noch 1935 das Promotionsrecht für das Fach Sportwissenschaft durchsetzen konnte, wurde das Institut für Leibesübungen 1936 geteilt. Knoll wurde Direktor des neu gegründeten sportmedizinischen Instituts, welches von der Sportwissenschaft in den Fachbereich Medizin verlagert wurde. Mit seiner Emeritierung im Jahre 1947 ging diese Stelle der Sportmedizin verloren; sie wurde in einen Lehrstuhl für experimentelle Pathologie und Balneologie umgewandelt.

Nach dem zweiten Weltkrieg begann in Hamburg eine Ära, die mit den Namen von Artur Metzner und Ernst Gadermann verbunden ist.

Karl Adolf Metzner, geboren 1910, war in seiner Jugend ein hervorragender Leichtathlet und in den dreißiger Jahren Europameister mit der 4 x 400 m Staffel. Nach seiner Ausbildung zum Internisten trat er am 1.4.1947 eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Sportarzt im Institut für Leibesübungen an und vertrat die Sportmedizin in der Lehrerausbildung. Kurz vor seiner Pensionierung (1972) wurde er 1971 noch zum Professor und wissenschaftlichen Rat ernannt und erhielt damit den Professorenstatus.

Metzners Tätigkeit ist untrennbar verbunden mit dem Namen Gadermann.

Ernst Gadermann, 1913 in Wuppertal geboren, war seit 1953 als Kardiologe in der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf tätig. Ein wesentlicher Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit lag in der Erforschung des menschlichen Kreislaufs unter Bedingungen der körperlichen Belastung. Er war – zusammen mit Metzner – maßgeblich an der Entwicklung der ersten EKG Telemetrie-Systeme beteiligt und galt als großer Verfechter der frühfunktionellen Bewegungstherapie nach Herzinfarkt. Als Kardiologe unterstützte er nachhaltig die Gründung der Curschmann-Klinik in Timmendorfer Strand, in der schon sehr frühzeitig ein modernes Nachsorgekonzept von Herzinfarktpatienten mit dem Schwerpunkt Bewegungstherapie praktiziert wurde.
Einen Höhepunkt seiner sportmedizinischen Tätigkeit erlebte Gadermann als Leiter des wissenschaftlichen Beirats der Olympischen Spiele 1972 in München.
Er starb im November 1973 unter tragischen Umständen am Sekundenherztod auf dem Weg in eine Vorlesung.

Mitte der sechziger Jahre kam es in Hamburg zu einer Trennung zwischen der universitären und der praktischen Sportmedizin. 1966 wurde durch den Deutschen Sportbund die Arbeit von Metzner und Gadermann durch die Einrichtung eines „Sportmedizinischen Untersuchungs- und Forschungszentrums (SPUZ)“ gewürdigt. Dieses nichtuniversitäre Institut war in den Räumlichkeiten der Universität untergebracht und wurde von Gadermann ehrenamtlich nebenberuflich geleitet. Das SPUZ war somit vermutlich das erste lizenzierte sportmedizinische Untersuchungszentrum des DSB. Mit Jung, Kindermann und Sonntag waren einige bedeutende Vertreter der heutigen deutschen Sportmedizin in dieser Einrichtung ärztlich und wissenschaftlich tätig.

Das SPUZ als nichtuniversitäre Einrichtung hatte nach Gadermanns Tod eine schwere Zeit zu überstehen. Seine Nachfolger in der Klinik hatten andere wissenschaftliche Interessen und so gelang es aus verschiedenen Gründen nicht, das SPUZ in eine universitäre Einrichtung zu überführen.

In den folgenden Jahren änderte sich die Trägerschaft des SPUZ mehrfach. Nach Trägerschaft durch den Hamburger Sportärztebund sowie einen eigenen Trägerverein wurde es 1988 aus den Räumlichkeiten der Universität ausgelagert und unter der Leitung von Dr. Klaus-Michael Braumann als „Abteilung für Sport- und Leistungsmedizin“ Teil des Olympiastützpunkts Hamburg/Kiel.

Innerhalb der Universität wurde die Sportmedizin bis zu seinem Ausscheiden weiter von Metzner vertreten. Sein Nachfolger war Klimt, der aber bald nach Marburg wechselte. 1978 wurde die Stelle dann als C3 Stelle mit dem Kardiologen Peter Markworth besetzt. Zwei Jahre später wurde nach Gründung des eigenständigen Fachbereichs Sportwissenschaft eine weitere C3 Stelle für orthopädische Sportmedizin geschaffen und mit dem Orthopäden Rainer Kölbel besetzt. Beide Stelleninhaber litten allerdings an der unterdurchschnittlichen apparativen und personellen Ausstattung und mussten ihre universitären Tätigkeiten notgedrungen auf die Durchführung von Lehrveranstaltungen beschränken.

Erst 1993 wurde mit der Berufung von Braumann als Nachfolger von Markworth auf die Professorenstelle für Sportmedizin eine Verzahnung der beiden sportmedizinischen Institutionen in Hamburg möglich: Im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung zwischen der Universität und dem Olympiastützpunkt wurde eine Nutzung der apparativen Ressourcen der sportmedizinischen Abteilung des OSP für universitäre Zwecke der Forschung und Lehre vereinbart.

1996 wurden als Ergebnis von Bleibeverhandlungen (Braumann hatte einen Ruf als Leiter der Sportmedizin an der Universität Münster erhalten) die Sportmedizin-Stelle auf C4 angehoben und die personelle und apparative Ausstattung der universitären sportmedizinischen Einrichtung erheblich vergrößert. Über die Zweitmitgliedschaft im Fachbereich Medizin konnte die Sportmedizin auch in die medizinische Fakultät der Universität integriert werden.

Gleichzeitig schaffte die Universität Voraussetzungen zur Rückverlagerung der sportmedizinischen Abteilung des Olympiastützpunkts an die Universität. Durch die Zusammenführung dieser beiden Einrichtungen zu einem Bereich „Sport- und Bewegungsmedizin“, wurde im Sportpark der Universität am Rothenbaum eine leistungsstarke sportmedizinische Einrichtung geschaffen, die inzwischen sowohl Aufgaben in Forschung und Lehre wahrnimmt, gleichzeitig aber auch ihre Dienstleistungen in die Sportorganisationen und die Stadt einbringt.

A. Arnold
Lehrbuch der Sportmedizin 2. Aufl.
Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1960

Michael Joho
Hochschulsport in Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik und die Anfangsjahre
des „Dritten Reiches“
Silberburg Wissenschaft 276
Stuttgart 1990

Konrad Paschen
Mein Weg zur Sportwissenschaft
Bamberg ? (ISBN 3-922210-05-8)

Joachim K.Rühl
Das Studium der Leibeserziehung
Entwicklung und Geschichte der Institute für Leibeserziehung
Saarbrücken 1971